Ein Text aus dem Oktober 2025. Über Fehltritte, Rückfälle, Veränderung, Abgrenzung und das Finden des eigenen Wegs.
Ende März schrieb mein ehemaliger Therapeut mitten in seiner Prüfungsphase ein P.S., das mich bis heute begleitet.
P. S. Im Englischen unterscheidet man beim Verlauf einer Abstinenz / Sucht zwischen „lapse“ („Fehltritt“) und „relapse“ („Rückfall“). Vielleicht hilft Ihnen diese Unterscheidung. Ein relapse ist, wenn man wieder mehr als einen Tag lang trinkt.
Ich führe seit dem mehr oder weniger zufälligen Ende meines Konsums ein Tagebuch. Nicht ausführlich, eher als Merker – wie war das Wetter, wie war meine Stimmung, war ich an der frischen Luft, hab ich mir was Gutes getan, gab es sonst noch Faktoren, die den Tag beeinflusst haben? Eine weitere Frage ist „habe ich Alkohol getrunken“. Der Eintrag läuft bisher konstant durch. Ich habe nicht vor, daran etwas zu ändern – an der Konstante nicht, am Eintrag vielleicht schon. Denn vielleicht genügt es ja auch das alkoholfreie Leben als gegeben zu nehmen und lediglich die Ausreißer davon zu dokumentieren.
Was mache ich nun also mit Tagen, an denen ich eben an einem Whisky rieche und nippe, ohne ein ganzes oder auch nur halbes Glas zu trinken? Was mit dem einen Schluck Cidre aus Frankreich, den ich bewusst probiert habe? Ist das schon eine Unterbrechung der Serie? Bin ich etwa mit einem Bein bereits im Vorhof der Hölle?
Ich habe mir kürzlich sehr bewusst, kontrolliert und bei ausgezeichneter Laune einen Schluck meines ehemals geliebten Retsina gegönnt. Durchaus vorsichtig. Als Testballon sozusagen. Und ich habe festgestellt, ein wenig zu meinem Bedauern, aber umso mehr zu meiner Freude… es schmeckt mir nicht. Das finde ich faszinierend und bin ehrlich gesagt auch beruhigt, dass mein Körper und Gehirn sich tatsächlich umgewöhnen können. Dass die „Autobahn Alkohol“, von der Nathalie Stüben in ihrem Buch schreibt, tatsächlich überschrieben werden kann.
In der Klinik – wie lange scheint das schon her zu sein! – gab es eine Dame in meiner Gruppe, die rigoros meinte, sie werfe jetzt allen Alkohol aus der Wohnung. Und ja, das ist auch der Rat, den einem die Psychologen und Sozialpädagogen vor Ort geben. Ich habe damals schon gemerkt, dass das eher unrealistisch ist für mich. Damals, weil mein Mann noch Alkohol trank und es ja nun nicht meine Aufgabe war, ihn auch zum Nichtkonsum zu bringen. (Fun Fact: auch er trinkt heute deutlich weniger Alkohol als früher).
Aber auch heute noch: Ich glaube, diese hardcore Mentalität „Du musst jedweden Alkohol aus deiner Umgebung verbannen! Bei jedem Kuchen fragen, ob da was drin ist! Nur ein Schluck und du bist für immer verloren und fängst ganz von vorne an, harrharrharr!“ hätte mich unglaublich schnell wieder in den Alkoholmissbrauch gebracht. Ich möchte etwas ändern können. Vorankommen. Mein Schicksal selbst gestalten.
Es gibt weiterhin Alkohol. Auf der Welt, in Deutschland, in jedem Supermarkt. Auch in meinem Leben, auch in unserem Kühlschrank.
Ich nehme ihn nur nicht zu mir. Oder wenn doch, dann eben sehr bewusst. Und das sind, und damit komme ich zum obigen Absatz zurück, die Tage, die ich als „lapse“ verzeichne. Ich kann die Momente seit Dezember an einer Hand abzählen: Ein Teelöffel Rum (Frustration), ein Teelöffel Whisky (Neugier), ein kleiner Schluck Cidre (Erinnerung), ein halber Ouzo (Trostsuche) und eben der Schluck Retsina (Selbstprüfung). Ich lebe gut damit. Vorsichtig beobachtend, aber nicht verurteilend.
Was ich damit sagen will: Für manche Menschen ist der AA-Ansatz sinnvoll. Für mich habe ich gemerkt, dass ich Dinge ganz verstehen möchte. Nicht nur Regeln befolgen, sondern das Leben verändern. Dafür brauche ich Erkenntnis. Einsicht.
Und bin deshalb sehr dankbar: für die Möglichkeit, bald nach dem Klinikaufenthalt in eine therapeutische Betreuung zu kommen. Dankbar für die Zeit mit einem Menschen, der mir Raum gegeben hat, mich gesehen hat, neugierig war, Sachen ausprobiert und mir die Zeit und Luft gegeben hat, meinen ganz eigenen Weg zu finden.
Nun wirkt jede gute Therapie nach. Auch diese. Und neben den großen Veränderungen – dem berufsbegleitenden Studium, das ich ohne die neue Klarheit und Energie kaum begonnen hätte – sind da auch kleinere, aber nicht unerhebliche Veränderungen im zwischenmenschlichen Miteinander. Kurz gesagt, mein Zugang zu mir selbst und anderen ändert sich.
Ich reagiere nicht mehr automatisch oder vorhersehend auf die unausgesprochenen Erwartungen anderer.
Ich halte (besser) aus, dass jemand unzufrieden sein darf – ohne mich zu korrigieren oder anzupassen.
Ich benenne, was mir wichtig ist. Ich überlasse anderen die Verantwortung für ihre Wünsche.
Der Satz aus der Therapie „Dann ist der Andere halt traurig.“ gewinnt an Substanz. Es geht hierbei nicht darum, anderen das Leben schwer zu machen oder sich nicht zu kümmern.
Es geht darum, sich nicht in den Gefühlen anderer zu verlieren, um die eigenen nicht spüren zu müssen.
Unterscheiden zwischen Mitgefühl und Mitleid.
Grenzen aus Licht statt aus Stacheldraht setzen.
Haltung nicht nur definieren, sondern auch sanft bewahren.
Bei mir bleiben. Auch wenn es ungewohnt ist, schmerzhaft, und alte Verbindungen ins Wanken geraten.
Das Leben (aus)halten.
Das lerne ich gerade.
