Abstinenz ist nicht mein Wort

Ein Text aus dem Juli 2025. Über Sprache, Alkohol und die Frage, warum „abstinent“ nicht beschreibt, wie ich heute lebe.

Wie machst du das denn eigentlich mit der Abstinenz? Diese Frage taucht ab und an auf, wenn ich von meinen Erfahrungen spreche. Ich spüre dabei in mir einen inneren Unwillen, einen Widerstand. Denn ich benutze das Wort „Abstinenz“ selbst kaum. Ich fühle mich davon nicht angesprochen. Und als ich begonnen habe, diesen Text zu schreiben, wurde mir auch klar, warum.

Abstinenz heißt, sich einer Sache enthalten. Etwas bewusst nicht zu tun. Aber es ist ja nun gerade nicht so, dass ich mir etwas vorenthalte. Sondern ich lebe so, wie ich (man?) eigentlich leben sollte. Ich nehme keine Drogen. Das ist der ganze Unterschied. Es fühlt sich nicht nach Verzicht an.

Für mich ist Alkohol eine Droge. Ein Aufputschmittel oder meinetwegen auch ein Beruhigungsmittel, je nachdem, wie man es benutzt. So oder so eine bewusstseinsverändernde Substanz. Da gibt es auch genügend Studien drüber, da brauchen wir uns, denke ich, nicht drüber unterhalten. Ganz salopp gesagt: Alkohol ist kein Wasser. Und wie Paracelsus sagte: Die Dosis macht das Gift. Nur – es ist eben ein Gift.

Aus meiner Sicht lebe ich im Moment deutlich klarer, wacher, lebendiger als in der Zeit, in der Alkohol noch selbstverständlich zu meinem Alltag gehörte. Und ja, manchmal ist es schwer, das nicht in jedes Gespräch zu tragen. Nicht rüberzukommen als „die Person mit dem Heiligenschein“. Denn das will ich eigentlich gar nicht. Ich sehe mich nicht als etwas Besseres.

Sondern ich denke wirklich im Grunde meines Herzens und ganz ehrlich: Wenn ihr da draußen seid und ihr der Meinung seid, ihr kommt mit Alkohol klar und ihr könnt mit dieser Droge umgehen, genau wie andere Leute Zucker essen oder kiffen: bitte, bitte macht es. Es ist euer Leben. Es ist nicht mein Auftrag, das zu bewerten.

Nur, für mich habe ich erkannt: Mir ist das zu wenig. Die Lebenszeit, die ich auf dieser Erde habe, die möchte ich gerne in Gänze genießen und die möchte ich gerne bewusst genießen.

Und ja, ich lasse Substanzen an mich heran, wenn es nötig ist. Natürlich nehme ich Schmerzmittel, wenn ich Schmerzen habe. Das ist überhaupt keine Frage. Aber mich freiwillig abzuschießen… das hat mich so vieler Möglichkeiten beraubt, die ich gehabt hätte im Leben. Kein falsches Mitleid: Das ist mein Leben. Das war meine Entscheidung. Und ich habe sicherlich auch sehr gute Partys gehabt, auch mit Alkohol. Ich will da jetzt gar nicht so tun, als wäre alles schlecht gewesen oder hätte keinen Spaß gemacht.

Dennoch stört mich der Begriff „Abstinenz(ler)“ für jemanden, der keinen Alkohol (mehr) trinkt: Abstinenz klingt dröge und puritanisch und auch immer so ein bisschen nach Besserwisser, nach „dem fehlt irgendetwas“.

Aber es fehlt mir nichts. Ich entsage mir nichts. Gut, außer vielleicht einem bisschen Geschmack. Alkohol und Fett sind Geschmacksträger, da bleiben wir einfach mal ganz realistisch bei der Wahrheit. Doch das Geschenk, das ich dafür bekomme, das genieße ich immer noch jeden Tag. Und ja, es ist ein großes Geschenk, nichts zu trinken.

Und da ist noch so ein Begriff, der Widerwillen in mir auslöst: „Stabilität“. Ich bin gefragt worden: Bist du denn heute stabil?

Was soll das heißen – dass ich vorher instabil war? Da sind wir doch genau bei dem Problem, das wir in der Gesellschaft haben: Alkoholkonsum ist die ganze Zeit okay, bis irgendjemand sagt, für mich ist es nicht okay. Oder bis er die Treppe runterfällt oder anfängt, besoffen irgendwelchen Blödsinn zu machen. Und auf einmal hat dieser Mensch ein Problem (laut Gesellschaft), und ist instabil?

Aber der war ja schon die ganze Zeit auf dem Weg! Die ganze Zeit war es doch offensichtlich völlig okay, dass dieser Mensch Alkohol trinkt. Wir haben „Wine Moms“, wir haben lustige Mottoshirts und Gläser, auf denen mit Sprüchen Alkohol verherrlicht und verniedlicht wird. Junge Frauen, die auf den Erlanger Berg gehen und mit einer Flasche Wein vorglühen, in aller Öffentlichkeit. Und zwar nicht eine Flasche Wein für die Gruppe, nein: eine Flasche pro Person. Es will mir doch bitte niemand erzählen, dass diese Menschen „stabil“ sind. Und dann auf einmal werden sie „instabil“, wenn sie es nicht mehr abkönnen, und jetzt muss ihnen aber geholfen werden? Was für eine Augenwischerei.

Ich kann für mich sagen: Ich bin heute viel mehr ich selbst, als ich es jemals unter Alkoholeinfluss war. Und natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Muster aus meiner Kindheit – also wie ich groß geworden bin und warum ich so geworden bin, wie ich geworden bin und warum ich auch angefangen habe zu trinken – die sind immer noch da. Es ist ja nicht so, dass da irgendjemand jetzt einfach einen Schalter umgelegt hätte und ich jetzt sagen kann: Oh super, 17 Monate Therapie und jetzt ist alles picobello und fein.

Im Gegenteil. Ich bin aus meiner Sicht in der Therapie so weit stabilisiert worden (ja, da ist es wieder, das Wort), dass ich in der Lage bin, Muster zu erkennen und Gefühle und Situationen auszuhalten, ohne mich zu betäuben, ohne zum Alkohol zu greifen. Mir statt dessen die Frage zu stellen: Wovor habe ich Angst?

Aber damit arbeiten muss ich trotzdem noch. Und das Verarbeiten und damit umgehen lernen – das ist jetzt der nächste große Schritt. Ein ernstzunehmender und durchaus Respekt einflößender. Aber das ist ein neues Kapitel.